Der Österreichische Präventionskongress 2022

Partnergewalt im Geschlechterverhältnis:
Entweder weibliches Opfer oder männlicher Täter, richtig?

Ein Vortrag von Ines Hohendorf

Viele Menschen haben beim Thema Partnergewalt ein gewisses stereotypes Bild vor Augen: geballte Männerfäuste und vielleicht die eine oder andere Frauenhand, die temperamentvoll einen Besenstiel schwingt. 

Geschlechterstereotype machen Männer kulturell zu Tätern und Frauen zu Opfern durch ein sozial konstruiertes Bild von geschlechtsspezifischem Handeln im Kontext Gewalt. Der Vortrag soll zeigen, dass dieses Bild empirisch nicht zwangsläufig der Realität entspricht.

In der deutschen kriminologischen Forschung zu Beziehungsgewalt fällt auf, dass die durchgeführten Studien meist regional begrenzt sind auf einzelne Bundesländer, Städte oder Hochschulen, sie zudem eine starke Opferorientierung aufweisen und den Fokus auf Erwachsene und Frauen als Opfer legen. 

Umgekehrt finden sich kaum Studien zu Tätern, Männern und jungen Menschen. Ein weiteres Desiderat besteht in dem Umstand, dass Opferwerdung und Täterschaft mit dem Sozialcharakter von Frauen und Männern erklärt, dieser aber nicht gemessen wird. 

Nahezu ausschließlich wird das biologische Geschlecht (sex) als Stellvertreter für das soziale Geschlecht (gender) herangezogen, auf die tatsächliche Messung des sozialen Geschlechts verzichtet und eine stillschweigende Parallelisierung von sex und gender in Kauf genommen – trotz der Vielfalt an zur Verfügung stehenden Genderskalen und in klarem Gegensatz zur internationalen, insbesondere der angloamerikanischen Forschung.

Anliegen der bundesweiten Opfer- und Täterbefragung der Vortragenden aus dem Jahr 2017 – deren Ergebnispräsentation im Zentrum des Vortrags stehen wird – war die Erfassung von Opferwerdung und Täterschaft von jungen Frauen und Männern unter der Prämisse der Messung des sozialen Geschlechts der Befragten. 

Damit sollte ein Beitrag zur gendersensiblen Grundlagenforschung in der Kriminologie geliefert und zugleich ein erster Vorstoß in die Forschungslücke zu Beziehungsgewalt junger Menschen in Deutschland unternommen werden mit dem Ziel, Schlussfolgerungen für die kriminologische Forschung und Praxis im Bereich Partnergewalt ziehen zu können.