Der Österreichische Präventionskongress 2022

Aggression verstehen und begrenzen: Was können wir von den Neurowissenschaften lernen!

Ein Vortrag von Joachim Bauer

Wie wir an der oft hasserfüllten Kommunikation in den sozialen Netzwerken („Shitstorms“ und anderes), vor allem aber am furchtbaren Krieg in der Ukraine sehen können, ist die Welt voller Aggression. Dessen ungeachtet gibt es keinen „Aggressionstrieb“. Einen solchen Trieb können die modernen Neurowissenschaften nicht bestätigen.
Der „Aggressionstrieb“ war 1920 von Sigmund Freud erfunden worden. Die modernen Neurowissenschaften bestätigen, was bereits Charles Darwin erkannt hatte: Die stärksten triebhaften Strebungen des Menschen sind seine sozialen Instinkte („social instincts“). Einzige Ausnahme von dieser Grundregel sind Psychopathen. 

Warum aber kommt es bei psychisch durchschnittlich gesunden Menschen zu Aggression? Wichtigster Aggressionsauslöser ist die willkürliche Zufügung von Schmerz. Nachdem die moderne Hirnforschung zeigen konnte, dass das menschliche Gehirn soziale Ausgrenzung und Demütigung wie körperlichen Schmerz registriert, wird klar, warum nicht nur körperlicher Schmerz, sondern auch Ausgrenzung und Demütigung Aggression hervorruft (siehe: Bauer, Joachim: Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt).

Eine Welt ganz ohne soziale Ausgrenzungserfahrungen wird es nicht geben können. Für den Frieden von überragender Bedeutung ist nicht nur, dass wir soziale Ausgrenzungen soweit möglich vermindern, sondern auch, dass Menschen lernen, Gefühle der Frustration oder Wut ohne Gewalt zu kommunizieren und Konflikte friedlich beizulegen. Kinder und Jugendliche müssen dies schon im Elternhaus, in der Kita und in der Schule lernen.