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„Vorbeugen statt die Scherben aufzusammeln”

Interview

Der 5. Österreichische Präventionskongress „Stark gegen häusliche Gewalt: Kinder und Jugendliche schützen und stärken“, findet am 7. und 8. November 2016 im Steiermarkhof in Graz statt und ist den „vergessenen“ und „übersehenen“ Kindern und Jugendlichen als Opfer häuslicher Gewalt gewidmet.

Günther Ebenschweiger ist als Präsident des Österreichischen Zentrums für Kriminalprävention (www.aktivu4.at) und als Geschäftsführer von aktivpraeventiv (www.aktivpraeventiv.at | www.praeventionskongress.at) Gesamtverantwortlicher dieses 5. Österreichischen Präventionskongresses.

Das Interview mit ihm führte Claudia Lepenik!

Herr Ebenschweiger, warum 2016 dieses emotional berührende Thema?

Alles begann damit, dass ich vom Bürgermeisteramt der Stadt Graz ersucht wurde, eine Zusammenfassung über das Buch „Familiäre Gewalt im Fokus“ zu geben. Auf den 738 Seiten werden viele Forschungsarbeiten über „Häusliche Gewalt“ zusammengefasst. Viele davon beschäftigen sich mit Kindern als Opfer häuslicher Gewalt.

So beschreibt etwa Dr.in Christina M. Dalpiaz, die als Gründerin von CHANCE auch Referentin beim Kongress sein wird, folgende Situation: „Die Definition von und die Resonanz von Gewalt in der Familie schloss Kinder weitgehend aus. Leider stellen Fachleute inzwischen zunehmend fest, dass zwischen dem Miterleben von Gewalt und späteren Verhaltensproblemen eine Korrelation besteht, was darauf schließen lässt, dass heftige Konflikte zwischen Eltern die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder erheblich beeinträchtigen“.

Das ist ein sehr ernstes und gesamtgesellschaftliches Problem. Wir haben uns daher in Absprache mit Bürgermeister und Kongressbeirat entschlossen, den kommenden Präventionskongress diesen Kindern und Jugendlichen zu widmen. Hier möchte ich auch gleich meinen Dank an Hrn. Landeshauptmann für Steiermark Hermann Schützenhöfer und Bürgermeister der Stadt Graz Mag. Siegfried Nagl für die ideelle und finanzielle Unterstützung aussprechen. Ohne diese Personen wäre die Umsetzung des 5. Österreichischen Präventionskongresses nicht möglich.

Was bedeutet dieses Thema für Sie persönlich?

Ich bin seit 40 Jahren Polizeibeamter und setze mich seit 28 Jahren aktiv mit (Kriminal-)Prävention auseinander. Mein Ziel ist es, einfach gesagt, Opfer zu verhindern bzw. Opfern zu helfen. Ich war nach dem Lesen des Buches persönlich sehr erschüttert, weil mir klar wurde, dass wir in den letzten 20 Jahren in Österreich über Frauen als Opfer und Männer als Täter gesprochen haben, aber nicht über betroffene Kinder.

Es folgten bei mir Unverständnis und Verärgerung, weil ich erkennen musste, dass dieses Thema nach den USA mittlerweile in Großbritannien, der Schweiz und Deutschland einen immer höheren politischen, fachlichen und gesellschaftlichen Stellenwert einnimmt und dort auch bei den EntscheidungsträgerInnen und der Gesellschaft angekommen ist; nicht so in Österreich. Ganz offensichtlich interessiert sich hier niemand für die tausenden jungen Opfer.

Was braucht Österreich Ihrer Meinung nach?

Das Motto lautet: „Vorbeugen statt die Scherben aufzusammeln“. Österreich braucht, um aus diesem „Reparaturmodus“ (= ereignisorientiert) herauszukommen, einen kompletten Neubeginn hin zu einer aktiven Präventionskultur (= lösungsorientiert).

(Kriminal-)Prävention kann sicherlich nicht alles lösen, ist aber heute ein nachweisbar wirksames Modell, um Opfer zu verhindern und die Lebensqualität zu steigern! Dazu gibt es auch international viele eindrucksvolle Metastudien – wie der „Sherman-Report“, die „Blue Prints“ oder das „Düsseldorfer-Gutachten“.

Dazu braucht es aber einen gemeinsamen Schulterschluss zwischen ExpertInnen aus Praxis, Wissenschaft und Forschung, sowie der Politik. Vor allem auf Bundesebene ist interdisziplinäre Kooperation und eine ausreichende finanzielle Ausstattung unbedingt erforderlich. Von einer aktiven Präventionspolitik profitieren letztendlich alle.

„Ich bin dabei, weil ...“; was ist das?

Wir müssen die Menschen motivieren, ermutigen und davon überzeugen, dass jeder Einzelne – in welcher Form auch immer – einen hilfreichen Beitrag leisten kann. Nur dann wird es uns gelingen, dass es in Österreich auch nachhaltig weniger Opfer gibt.

„Ich bin dabei, weil ...“ steht daher als eine Art Kampagne für Ermutigung, Engagement, Zivilcourage, Hinschauen ... von jung bis alt und wir laden alle, ich betone alle Österreichinnen und Österreicher, ein mitzumachen.

Mitmachen heißt, den begonnenen Satz „Ich bin dabei, weil ...“, „Ich engagiere mich, weil ...“ und „Prävention ist wichtig, weil ...“ zu ergänzen! Zum Beispiel warum ich gegen Gewalt bin, warum ich mich für die Kinder und Jugendlichen einsetze, warum ich nicht wegschaue sondern hinschaue, warum ich als Entscheidungsträger entscheide, warum ich mich für Lösungen einsetze, oder auch warum ich mir Zeit zum Zuhören nehme und dieser Satz sollte für die TeilnehmerInnen dann Motivation und Ansporn sein, Kinder zu unterstützen und zu stärken!

Auffallend ist der positive visuelle Zugang zum Thema. Gibt es dafür Gründe?

Das Schlüsselwort nennt sich „Trigger“ und ist leider nur wenigen Menschen bekannt. Man muss sich das so vorstellen: ein Trauma ist eine Art Wunde im Gehirn. Wenn man, als Opfer, mit bestimmten Reizen – wie z. B. Gewaltfotos oder -videos in Medien – konfrontiert wird, so besteht die Möglichkeit, diesen traumaartigen Zustand wieder zu durchleben. Das kann unterschiedliche Auswirkungen haben, bis hin zu Menschenangst, Selbstisolation und Schweigen.

Das Problem ist: diese Reize sind überall! Menschen, Worte, Gespräche, Geräusche, Farben, Bewegungen, etc. – alles mögliche Trigger. Oft gelingt es den Betroffenen nicht zu erklären, warum sie in einer alltäglichen Lebenssituation plötzlich mit Angst, Wut, Trauer oder gelähmtem Schweigen emotional überreagieren. Angehörige stehen den Reaktionen ratlos gegenüber. Nur die Hilflosigkeit tragen alle Beteiligten gemeinsam.

Wir haben daher – um sicher zu gehen, dass wir keine Trigger bei Opfern „produzieren“ – „Opferbilder“ durch lächelnde Kinderbilder ersetzt. Das heißt, wir nehmen als Präventionsakteure „Abschied“ von den Bad-News-Bildern und ersetzen diese verantwortungsvoll durch positive Aussagen.

Den Präventionskongress gibt es heuer nun zum fünften Mal. Was für eine Bilanz ziehen Sie?

Ich ziehe eine sehr positive Bilanz. Der „Präventionskongress“ hat sich als zentrale Aus-, Fort- und Weiterbildungsveranstaltung etabliert. Wir vernetzen erfolgreich MultiplikatorInnen, ExpertInnen und AkteurInnen aus den Bereichen Prävention, Intervention und Beratung. Der Präventionskongress ist aber auch als Informations- und interdisziplinäre Austauschmöglichkeit etabliert.

Das heißt, dass Who ist Who der (Kriminal-)Prävention, Intervention und Beratung ist regelmäßig alle zwei Jahre mit einem abgestimmten Programm (Praxis | Wissenschaft | Forschung) vertreten; 2016 zum Thema „Stärkung der Kinder und Jugendlichen als Opfer häuslicher Gewalt“. Wir bieten in Vorträgen und Praxis- und Diskussionsforen für TeilnehmerInnen aus dem In- und Ausland aktuelle Erkenntnisse aus der Praxis, Theorie, Wissenschaft und Forschung, zeigen „Good-practice-Modelle“ und beschäftigen uns mit Zukunftsstrategien.

Wer sind am heurigen Kongress die ExpertInnen?

Es war für mich faszinierend zu sehen, dass sich in Europa außerhalb von Österreich mittlerweile viele Personen und Organisationen mit dem Thema Kinderschutz bei häuslicher Gewalt auseinandersetzen.

Über mein großes europaweites Netzwerk konnte ich internationale ExpertInnen für diesen Präventionskongress gewinnen. Ich habe – wie in den letzten Jahren – alle in den Ländern besucht, mich mit ihnen über das Thema ausgetauscht und sie motiviert diesen Kongress wissensbasiert, aber gleichzeitig praxisnah zu gestalten.

Insgesamt sind es 19 ExpertInnen – fünf aus Österreich, sechs aus Deutschland, sieben aus der Schweiz und eine aus den USA und sie kommen aus den Bereichen Erziehungsberatung, Traumatherapie, Rechtswissenschaften, Medien, Opfer, Männerberatung, Kinderärztin, Suchtprävention, Hochschule, Psychologie, Forschung, Prävention, Psychiatrie und Psychotherapie. Durch 17 Vorträge und 16 Praxisforen haben die TeilnehmerInnen das Angebot einer hoch qualitativen Fort- Aus- und Weiterbildung und die einzigartige Chance eines direkten und interdisziplinären Erfahrungsaustausches mit vielen anderen Interessierten.

Was sind Ziele des 5. Österreichischen Präventionskongresses?

Unser zentrales Ziel ist es, einen Beitrag zur Stärkung und zum Schutz der tausenden Kinder und Jugendlichen zu leisten. Durch interdisziplinäre Prävention und Intervention sollen Perspektiven für die Zukunft eröffnet und nachhaltige Effekte für die nächsten Generationen erzielt werden.

Ich möchte dieses Interview mit einem Zitat von Abraham Lincoln beenden: „Wer im Leben kein Ziel hat, verläuft sich!“; und Österreich hat sich ordentlich verlaufen!